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Porträtfoto: Mathias Schneider, www.schneidersfamilybusiness.de

Boris Glatthaar – über mich

Rechercheur und Reporter

Ich bin Geschichtenerzähler. Genauer: Ich bin seit vielen Jahren leidenschaftlicher Journalist und Medienmacher sowie passionierter Rechercheur. Ich bin fest davon überzeugt, dass hochwertige journalistische Ergebnisse auch heute noch traditionelle Recherchemethoden etwa vor Ort, im persönlichen Gespräch oder in Archiven erfordert. Zugleich halte ich moderne Möglichkeiten wie Data Based Inquiry, www und Social Networks für ein unschätzbar wertvolles Instrument des Erkenntnisgewinns und freue mich auf viele weitere Entwicklungen.

 

Doch nicht nur für die Recherche, sondern auch für professionelles Nonfiction Storytelling ist die gerade die Digitalisierung durch Smartphones und Tablets ein riesiger Gewinn: Geschichten sind nicht mehr Länger ein Text mit Fotos, sondern lassen sich heute als geniales Erlebnis aus geschriebenem Wort, Fotoshows, interaktiven Grafiken, Audio- und Videostreams, Social Media und vielen weiteren Darstellungsmitteln erzählen.

 

Packende Geschichten mit digitalen Mitteln erzählt

 

Dank responsive Webdesign können Inhalt, Gestaltung und Usability auf allen erdenklichen Endgeräten heute schon zu einer wahrhaft erlebbaren Story verschmelzen. Als klassisch ausgebildeter Tageszeitungsjournalist und ehemaliger Chefredakteur eines Printttels weiß ich, was eine Story zu einer guten Story macht. Doch ich weiß auch: Sie lebt nicht vom Papier, auf das sie gedruckt ist. Eine gute Story will schlicht und ergreifend bestmöglich erzählt sein – ein Frevel wäre es da, auf die großen Möglichkeiten der digitalen Welt zu verzichten.

 

Ich stamme aus dem Bereich Rheinland/Ruhrgebiet und wurde 1980 geboren. Nach mehreren Praktika bei Zeitungen vor und während des Abiturs folgten einige Jahre des Studiums von Geschichte, Englisch und Deutsch. Nebenbei begann ich, als freier Mitarbeiter für verschiedene regionale Blätter zu arbeiten, was in einer intensiven Freelance-Tätigkeit für eine der großen Tageszeitung in NRW mündete. Einige Zeit darauf konnte ich schließlich bei dieser Tageszeitung volontieren.

 

Kriminalreporter, Gerichtskorrespondent und Archivrechercheur

 

Meine besonderen Steckenpferde waren schon früh und schließlich Jahre lang die Arbeit als Kriminal- und Gerichtsreporter sowie die journalistisch schwungvolle Aufbereitung von Themen aus dem Bau- und Ordnungsrecht. Ein scheinbar trockenes Ressort. Aber es bietet unschätzbar viele dankbare Themen für neugierige Journalisten. All die Recherchen zu Interessen und Geschichten, die sich hinter manchen Bauleitplänen, Anträgen und Genehmigungen verstecken, waren für mich zwischen meinen Investigativ-Arbeiten leidenschaftliche Beschäftigung und Broterwerb zugleich.

 

 Neben den nachrichtlichen Textformen schätze ich die  Reportage als packendste aller Textgattungen und das ehrlich, autorisierungsfreie Interview als erhellend-unterhaltsames Meisterstück. Zudem habe ich mich schon zu Zeiten als Freelancer begeistert mit Kollegen ausgetauscht – über die Kniffe der On- und Offline-Recherche, über die Wichtigkeit der Tatsachendokumentation, über angewandtes Presse- und Medienrecht, über die moderne Anwendung und Abwandlung journalistischer Darstellungsformen und über den Wandel von traditioneller Presse hin zu überall, jederzeit verfügbaren Informationsmedien.

 

Meine Prinzipien:

 

1. Be an oldschool reporter. And a visionary geek.

 

2. Your story is not only content. Think technologically.

 

3. Only produce top stories. Make the audiance wow.

Veröffentlichung – Januar 2015

Spione im Rathaus

ZEITGESCHICHTE Mit gestohlenen Identitäten schlichen sich in den 60er und 70er Jahren Agenten der Stasi in westdeutsche Behörden ein. Dann startete die »Operation Anmeldung« und etliche Spione tauchten unter. Spurensuche in einem Fall aus Wuppertal.

 

Recherche und Text: Boris Glatthaar

 

Niemand fand es merkwürdig, dass Georg Schlimm* am 16. Juni 1976 schon mittags das Rathaus verließ. Kurz nach dem Essen trat der adrette Mann von etwa 40 Jahren und schlanker Gestalt auf die Straße vor dem Neubau am Heubruch, wo er seit knapp vier Jahren im modernen Rechenzentrum der Stadt arbeitete. Dort programmierte er eine Software für das Finanzwesen von acht Kommunen und stellte die Personal- und Sozialdaten, die Statistiken und Haushaltsführung auf EDV um. Er galt als Genie seines Faches, gab Gruppenseminare für Mitarbeiter, hatte Zugang zu allen wichtigen Informationen seiner Abteilung. »Mal eben zur Sparkasse, Geld holen«, soll er an diesem Mittwoch zu seinen Kollegen gesagt haben. Doch zurück kam er nie. Sein Mantel blieb an der Garderobe hängen. Auch seine Ehefrau Ingeborg war fortan verschwunden: Ebenfalls angestellt bei der Stadtverwaltung, seit 1970 eingesetzt im Amt für Statistik, Stadtforschung und Sonderaufgaben im heutigen Polizeipräsidium, war sie einfach nicht mehr zum Dienst gekommen. Über sie wusste man kaum etwas. Außer, dass sie genau so nervös war wie ihr Mann. Beide zuckten ständig mit den Augenlidern, erzählte man sich. Freunde hatten sie keine. Am 29. Juni 1976 gab die Stadtspitze eine Suchmeldung an die Polizei.

 

 Generalbundesanwalt schaltet sich ein

 

Noch am selben Tag fiel die Kripo im Rathaus ein. Doch die Beamten waren nicht von der Vermisstenstelle. Sie kamen vom Staatsschutz und in Begleitung von Fahndern des LKA und einigen Herren der Spionageabwehr. Der Verdacht: Georg und Ingeborg Schlimm waren Agenten der DDR, in die Stadtverwaltung Wuppertal eingeschleust, um sensible Informationen nach Ost-Berlin durchzustechen. In den Verwaltungszimmern begann die Vernehmung von Behördenleuten, alle 4000 Magnetbänder des Rechenzentrums wurden auf Spuren von Spionage geprüft. Tags darauf leitete der Generalbundesanwalt in der Sache offiziell ein Ermittlungsverfahren wegen geheimdienstlicher Tätigkeit ein; gegen Unbekannt – denn schnell war klar, dass das echte Ehepaar Schlimm bereits vor etlichen Jahren von Deutschland nach Australien ausgewandert war und mit den beiden Verschollenen aus Wuppertal absolut nichts zu schaffen hatte.

 

Spitzel-Ausrüstung im Wald versteckt

 

Der Verdacht des Verrats gegen das angebliche Paar erhärtete sich, als die Ermittler die Eingangstür in der dritten Etage eines Mehrfamilienhauses an der Elberfelder Wortmannstraße öffneten. Sie wussten, dass der Gesuchte bei Kollegen als Hobbyfotograf galt, doch das voll ausgestattete Labor in der kleinen Wohnung deutete eher auf weit ambitionierteres Fotografieren hin. Dass der Unbekannte in seiner Dunkelkammer offenbar tatsächlich jahrelang Mikrofilme entwickelt, nachdem er sie mit einer Mini-Kamera belichtet hatte, wussten die BRD-Ermittler damals nicht. Auch von den zahlreichen Tonbändern, auf die das Alias-Ehepaar immer wieder seine Informationen für die Zentrale in Ost-Berlin diktiert hatte, fand die Spionageabwehr seinerzeit nichts mehr: Regelmäßig hatten die »Schlimms« das Material direkt in einer Wuppertaler Gaststätte, an ihrem Wohnwagen im Osterholz oder bei Reisen mit ihrem Peugeot 304 ins Ausland an Verbindungsleute übergeben. Auch etliches weiteres Spionagewerkzeug war längst unauffindbar, obwohl sich die Spitzel beim Verstecken ihrer von Geheimtinte bis Nähgarn-Container reichenden konspirativen Ausrüstung nicht immer geschickt angestellt hatten: Ein alter Gillette-Rasierklingenspender, der auf einer Gasleitung im Keller gelegen und Chiffrematerial enthalten hatte, war vermutlich schon 1970 heruntergefallen und als Abfall entsorgt worden. Ein bewaldetes Gelände, auf dem eine Mikratkamera – getarnt in einer Sprühdose – verbuddelt war, hatten Bauarbeiter 1971 gerodet und planiert und dabei die geheime Technik auf Nimmerwiedersehen in der Erde versenkt. Nur das zum Funkempfänger umgebaute Radio, über das die Agenten seit Jahren ihre Instruktionen erhielten, fanden die westdeutschen Spurensicherer neben Fotolabor und unzähligen leeren Aktenordnern noch in der Wohnung. Spione zweifelsohne; nichts indes deutete auf die wahre Identität der Gesuchten hin. Das Verfahren verlief im Sande, irgendwann wurde es eingestellt.

 

Im Netz der Spionageabwehr

 

Knapp 40 Jahre später gibt es nun Klarheit über die beiden Agenten in Wuppertal: Alten Geheimdienstdokumenten zufolge handelt es sich bei den Gesuchten um ein parteinahes und tatsächliches Ehepaar, das völlig bürgerlichen Berufen nachging, 1965 von der Stasi in Jena zunächst als inoffizielle Mitarbeiter (IM) angeworben wurde und nach seiner hauptamtlichen operativen Zeit zwischen 1968 und 1976 in Wuppertal mit frisierten Lebensläufen in die DDR zurückkehrte. Dass der zunächst für zwölf Monate geplante und dann fast acht Jahre dauernde Aufenthalt des Paares in Wuppertal so abrupt endete, lag an der Aufklärungsarbeit der Verfassungsschutzbehörden in der Bonner Republik: Diesen war Anfang der 70er Jahre aufgefallen, dass etliche bisher enttarnte DDR-Spione mit den Personalien westdeutscher Auswanderer eingereist waren – so, wie die »Schlimms«. In der groß angelegten »Operation Anmeldung« durchforstete die BRD-Spionageabwehr seitdem die dezentral organisierten Meldeämter in Westdeutschland nach wieder eingereisten Personen, bei denen es sich in Wahrheit ebenfalls um Agenten aus Ost-Berlin handeln könnte. Als die Stasi von der Aktion erfuhr, pfiff sie alle auf diese Weise legendierten Agenten zurück; die »Schlimms« erreichte das Kommando zum Rückzug am 13. Juni 1976 über ihr Funkradio, drei Tage später türmten sie. Ihre Einreise in die DDR mit dem Pkw datiert auf den 17. Juni 1976 – knapp zwei Wochen also, bevor die BRD-Ermittler in Wuppertal tätig wurden.

 

Militärische Objekte und Bürger im Visier

 

Heute lässt sich nur noch in Fragmenten darstellen, was die beiden Spione seit Ende 1968 in Erfahrung gebracht haben. Klar ist: Bestimmung des Ehepaares war zu Beginn, in »zentrale Objekte im Großraum Bonn« einzudringen. Nachdem »Georg« jedoch zunächst in zwei Wuppertaler Verlagen, schließlich vielversprechend im Rechenzentrum der Stadtverwaltung Wuppertal und seine Ehefrau im Statistikamt untergekommen war, änderte die Agentenführung im fernen Stasi-Hauptquartier das Ziel. Nun sollten sie Informationen zu Bahnknotenpunkten und militärischen Orten erheben, Verbindungen zu Studenten aufbauen, selbst nah zum Meldewesen vorrücken, neue IM-Kandidaten an ihre Verbindungsleute tippen und über das Melderegister westdeutsche Personen identifizieren, die sich ins Ausland abgemeldet hatten – vermutlich, damit die Stasi deren Identitäten wiederum zum Einschleusen neuer Agenten nutzen konnte. Doch es gab auch konkretere Aufgaben. So sollte das Ehepaar Informationen zu ganz bestimmten Personen in Wuppertal sammeln, darunter die Mitarbeiter in Meldeamt und Rechenzentrum, ein Polizeibeamter, ein Immobilienmakler, ein Fahrlehrer und ein Vermieter sowie eine Studentin, eine Hausfrau, ein Bandweber, ein Chemiker, ein Geologe und ein Industriekaufmann, die mitunter ins Ausland gezogen waren. Außerdem sollten sie ganze Persönlichkeitsbilder unter anderem von einem Stadtoberinspektor und einem Ingenieur erstellen.

 

»Informationen wertvoll«

 

Was genau aus Wuppertal letztlich an die Stasi verraten wurde, ist unklar. Vom Agentenpaar selbst ist nichts zu erfahren und die für Auslandsspionage zuständige DDR-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) durfte ihre Dokumente nach dem Mauerfall fast komplett eigenhändig vernichten. Einer der wenigen erhaltenen Aktenvermerke zur Arbeitsleistung der Spione spricht allerdings für sich: »Qualität der Informationen entsprechend den Vorstellungen der Zentrale, decken voll den Informationsbedarf. Informationen werden durchweg als wertvoll bis sehr wertvoll eingeschätzt.«

 

 

 

* Die Namen wurden geändert.

 

 

Dieser Text ist urheberrechtlich geschützt. Verwendung, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

BORIS GLATTHAAR

Journalist

 

Schwerpunkte: Kriminalität und Justiz, Sicherheit und Ordnung, Bau- und Verwaltungsrecht